Vom Alaunwerk
zum Schloss.
Wo heute der Annaberg im Wald liegt, wurde zweihundert Jahre lang gegraben, gesiedet und gebrannt. Erst danach entstand das Haus – als Sommersitz eines Kölner Zuckerfabrikanten. Diese Seite erzählt die Geschichte des Gebäudes und des Geländes, nicht die des Vereins.
Eine Industriebrache
im Wald.
Haus Annaberg – auch Schloss Annaberg – ist eine ehemalige Fabrikantenvilla an der Annaberger Straße 400, am Rand des Kottenforstes. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.
Der Hügel hieß ursprünglich Pützberg. Unter seiner Oberfläche lagen Braunkohle und alaunhaltiger Ton, und beides wurde vom 18. Jahrhundert an abgebaut. Das Haus entstand also nicht auf freiem Feld, sondern auf einer Industriebrache: Auf älteren Karten ist sein Grundstück als ausgetorftes Gelände verzeichnet.
Von den Produktionsgebäuden ist nichts erhalten. Sichtbar geblieben sind terrassenförmige Geländestufen östlich und südwestlich des Hauses – die Abbruchkanten der drei Tagebaugruben, jede etwa fußballfeldgroß und rund zehn Meter tief.
Die erste Suche
Lütticher Bergleute suchen am Pützberg nach Steinkohle. Sie finden nur Torf.
Klütten für das Kloster
Das benachbarte Kloster Marienforst lässt die dicht unter der Oberfläche liegende Braunkohle als Brennstoff abbauen. „Klüttenbäcker“ aus Liblar pressen daraus Klütten, die im Kloster verheizt werden – eine Kohle mit geringem Heizwert, die kräftig qualmte.
Alaun, Vitriol und Ton
Nach der Säkularisierung geht die Grube an bürgerliche Fabrikanten. Unter Theodor Quinck & Co. entsteht das „Friesdorfer Braunkohlen-, Alaunerz- und Vitriolerz-Bergwerk“. Alaun war ein begehrter Rohstoff – zum Gerben, Beizen und Färben, für die Papierherstellung und für die Medizin. Der Ton wurde gleich auf dem Gelände zu Ziegeln, Wasserleitungsrohren und Zuckerhutformen gebrannt. Die Gruben trugen die Namen ihrer Besitzer: Carlsglück, Josephs Zufriedenheit, Theodorswunsch.
Zweihundert Menschen in Handarbeit
Auf dem Höhepunkt arbeiten rund 200 Personen auf dem Pützberg – ohne Dampfkraft, faktisch eine große Manufaktur. Zum Gelände gehören eine Alaunhütte, ein Kastenhaus, zwölf freistehende Laugenkästen, zwei „Fabriken“ für Zuckerhüte und vier Brennöfen. Zeitgenossen berichten von starkem Rauch und scharfem Geruch in der Nachbarschaft.
Das Ende des Bergbaus
Die Alaunton-Vorkommen sind erschöpft, der Abbau wird aufgegeben und nach Schweinheim beziehungsweise Godesberg verlegt. Franz Moll, ein Bruder des letzten Alaunhüttenbetreibers, forstet das wüst daliegende Grubengelände auf und richtet es für Landwirtschaft und Obstbaumzucht ein. Möglicherweise entstand in dieser Zeit das ursprüngliche Herrenhaus – belegt ist das bislang nicht.
Preußisches Versuchsgut
Die preußische Regierung kauft das Gut und überlässt es der Landwirtschaftlichen Akademie Poppelsdorf als Versuchsgut und Lehranstalt, mit Ackerbauschule und – ab 1865 – einer Zentral-Baumschule. Seit 1859 heißt der Berg Annaberg. Die Böden und die schattige Lage machen der Akademie zu schaffen; ihre Chronik vermerkt, gerade die schwierigen Bedingungen seien lehrreich.
Aufgabe nach fünfzehn Jahren
Die Akademie stellt ihre Arbeit auf dem Annaberg wegen des unverhältnismäßig hohen Aufwands ein. Das Gut geht an einen Eigentümer namens Hamacher.
Der Ausbau zum Schloss
Eugen Pfeifer (1848–1915), Gesellschafter der Kölner Zuckerfabrik Pfeifer & Langen, erwirbt das Gut und beantragt im März 1897 den Ausbau des Herrenhauses. 1897/98 erhält es seine heutige Gestalt im Stil des Historismus – mit Säulen, barocken Balkonen, Türmchen und Erkern. Erst dieser Umbau brachte dem Haus den Namen Schloss Annaberg; in der Familie hieß es „Tusculum“.
Tod des Bauherrn
Bis zu Eugen Pfeifers Tod im August 1915 nutzt die Familie das Haus – als Sommerresidenz geplant, tatsächlich als Hauptwohnsitz. Pfeifer empfing hier den preußischen Adel, darunter den Kronprinzen, und rheinische Industrielle. Seine Witwe Paula Maria Pfeifer (1855–1949) bleibt noch zwei Jahre.
Graf von Westerholt
Im August 1917 verkauft die Witwe das Anwesen an Reichsgraf Wilhelm von Westerholt. Er verpachtet das Gut und bewohnt das Schloss mit seiner Familie.
Kanadische Einquartierung
Nach dem Waffenstillstand besetzen alliierte Truppen das Rheinland. Im Dezember 1918 liegt die 1st Canadian Motor Machine Gun Brigade in Friesdorf und lässt sich vor dem Haus fotografieren. Historische Bilder 1918 →
Brandbombe und Notreparatur
Im Zweiten Weltkrieg wird das Schloss von einer Brandbombe getroffen; große Teile des Gebäudes werden zerstört. Der Eigentümer kann nur einen provisorischen Wiederaufbau finanzieren. Vergleicht man heutige Ansichten mit Fotos um 1900, sind die reparaturbedingten Unterschiede am Dach noch zu erkennen.
Ein baltischer Verein übernimmt
Der Eigentümer verkauft erneut. Durch Vermittlung eines deutsch-baltischen Barons und mit einem Kredit erwirbt der lettische Pastor Jazeps Urdze das Gebäude für den 1947 von ihm gegründeten Bund. Unter ihm wird das Haus wieder instand gesetzt. Zur Geschichte des Vereins →
Denkmal und Begegnungsstätte
Das Haus steht in der Denkmalliste der Stadt Bonn und wird als Begegnungsstätte, Gästehaus und Studentenwohnheim genutzt – und immer wieder als Filmkulisse. Nach ihm sind die Annaberger Annalen benannt.
Bäume, die älter sind
als das Haus.
Die hohen, teils exotischen Bäume im Park stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie wurden wohl zwischen 1860 und 1875 gepflanzt, als hier die Baumschule der Poppelsdorfer Akademie lag – sie sind damit älter als das Schloss und heben sich bis heute von der Vegetation des umliegenden Kottenforstes ab.
Vom Anwesen aus blickte man damals frei über Friesdorf und Godesberg bis zum Rhein und zum Siebengebirge; heute ist der Park teilweise verwildert und die Sicht zugewachsen.
Dieselbe Baumschule hat dem Annaberg einen unrühmlichen Platz in der Weinbaugeschichte eingetragen. 1866 überwies das preußische Landwirtschaftsministerium ein Sortiment amerikanischer Reben hierher. Jahrelang wirkten die Pflanzen unauffällig. Als sie 1874 nach Geisenheim in den Rheingau umziehen sollten, brachte eine letzte Kontrolle den Befall mit der Reblaus zutage – der erste Nachweis des Schädlings in Deutschland. Die Rebflächen wurden sofort gerodet und das Holz verbrannt; 1875 war der Fund Thema im Reichstag. Dem Weinbau an der Annaberger Straße, die damals noch von Weinbergen gesäumt war, machte die Laus ein Ende.
Zum Weiterlesen.
Diese Seite fasst die folgenden öffentlich zugänglichen Darstellungen zusammen. Sie gehen im Detail deutlich weiter – besonders der Beitrag zur Industriekultur, der den Alaunabbau ausführlich beschreibt.
- Alaunabbau und Villa Pfeifer am Friesdorfer Annaberg ↗
Industriekultur Bonn / Rhein-Sieg, Text von Detlef Stender, Stand 2022. Ausführlich zum Bergbau, zur Alaungewinnung und zur Lage der Gruben. - Haus Annaberg in Friesdorf – KuLaDig ↗
Kultur.Landschaft.Digital des Landschaftsverbands Rheinland, Beitrag von Dennis Beutelt, Geographisches Institut der Universität Bonn, 2013. Mit Quellenzitaten aus dem 19. Jahrhundert und Fotografien. - Schloss Annaberg (Friesdorf) – Wikipedia ↗
Überblick zu Baugeschichte, Besitzerfolge und heutiger Nutzung, mit Einzelnachweisen. - Schloss Annaberg – Bonn.wiki ↗
Kurzporträt mit Hinweisen zur Umgebung, zum früheren Weinbau und zur Reblaus. - Als die Reblaus nach Deutschland kam ↗
Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg, 2024, nach einem Vortrag von Wolfgang Böhme und Band 61 der Godesberger Heimatblätter. - Andrejs Urdze: Geschichte Annabergs und des BCSB/BCB. Baltischer Christlicher Bund, Bonn 2022.